Zuwanderung ermöglichen – Bericht zum Webinar



 

Sachsen-Anhalt ist besonders stark vom demografischen Wandel betroffen. Seit der Wiedervereinigung hat Sachsen-Anhalt fast ein Viertel seiner Einwohnerinnen und Einwohner verloren. Die Bevölkerung sank von 3,7 auf 2,2 Millionen Personen. Und mit knapp 48 Jahren ist das Durchschnittsalter in Sachsen-Anhalt so hoch wie in keinem anderen Bundesland. Diese Befunde gelten insbesondere für die ländlichen Räume Sachsen-Anhalts, die von einer teils massiven Überalterung und Abwanderung betroffen sind.

Daher machen sich Fachkräfte- und Nachwuchsmangel in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft bereits schmerzlich bemerkbar. Sachsen-Anhalt ist deshalb auf Zuwanderung in hohem Maße angewiesen, um diese Lücken zu füllen. Aktuell jedoch ist der Anteil von Migrantinnen und Migranten, die dauerhaft hierzulande bleiben, besonders niedrig. Sachsen-Anhalt ist bisher für sie ein Transit-Land.

Die Landtagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN plädiert deshalb für mutige und pragmatische Politikkonzepte, um mehr Menschen in Sachsen-Anhalt ansässig werden zu lassen. Eine wirksame und zukunftsfeste Politik für die ländlichen Regionen muss daher stärker als bisher die Potentiale der Zuwanderung in den Blick nehmen.

Wie eine solche Politik praktisch aussehen kann, hat innenpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sebastian Striegel im Webinar „Zuwanderung ermöglichen – Eine Notwendigkeit für Sachsen-Anhalt“ mit dem Gast Götz Ulrich am 30. Oktober 2020 diskutiert. Ulrich ist seit 2015 Landrat im besonders stark ländlich geprägten Burgenlandkreis. Er hat mit der Migrationsagentur 2018 ein Projekt ins Leben gerufen, das über den Burgenlandkreis hinaus Schule machen könnte.

In der Willkommensbehörde arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedenster Behörden eng unter einem Dach zusammen, um die Integration von Migrantinnen und Migranten in Arbeitsmarkt und Gesellschaft erfolgreich zu gestalten. Mit dabei sind Bedienstete aus dem kommunalen Jobcenter, dem Jugendamt, dem Wirtschaftsamt und dem Amt für Bildung, Kultur und Sport sowie dem Integrations- und Ausländeramt. Auch die Agentur für Arbeit, der Kreissportbund, die Kreisvolkshochschule und der Kirchenkreis Naumburg-Zeitz entsenden Mitarbeiter. 2019 belegte die Migrationsagentur den zweiten Platz bei der Verleihung des Nationalen Integrationspreises durch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In einem spannenden und zum Teil persönlichen Gespräch stellte Götz Ulrich zunächst die Struktur der Migrationsagentur vor und berichtete über die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die zur Gründung der Agentur führten. Bis 2015 bestand die zugewanderte Bevölkerung im Burgenlandkreis vor allem aus EU-Bürgerinnen und -Bürger, die in der Agrar- und Ernährungsindustrie beschäftigt sind. Mit den großen Migrationsbewegungen ab 2015 kamen zahlreiche Menschen aus Syrien und anderen Staaten hinzu. Diese Zeit war geprägt von starken gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die ihren negativen Höhepunkt in dem fremdenfeindlichen Brandanschlag auf die Geflüchtetenunterkunft in Tröglitz hatten. Vor diesem Hintergrund reifte bei dem Landkreis die Idee, eine neue Behörde für eine Integrationspolitik aus einem Guss zu schaffen.

Anschließend berichtete Götz Ulrich über Hindernisse der Integration in den ländlichen Räumen, wie sie überwunden werden können, wie sich die Migrationsagentur im Laufe ihres Bestehens weiterentwickelt sowie breites überregionales Interesse bei Verantwortlichen aus anderen Regionen Deutschlands erzeugt hat.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem über die Frage debattiert, wie verhindert werden kann, dass durch die Anwerbung von Fachkräften wiederum ein Fachkräftemangel in den Herkunftsländern erzeugt wird.
Sebastian Striegel betonte, dass die grüne Landtagsfraktion sich dafür einsetzt, dass die Politik auf allen Ebenen attraktivere Bedingungen für Migrantinnen und Migranten schafft. Er sagte, dass die Migrationsagentur zeige, wie Verwaltungsstrukturen in diesem Sinne umgestaltet werden können.

Aber auch bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse kann das Land Sachsen-Anhalt viel tun. Ein entscheidender Punkt ist die Akzeptanz und Aufnahmebereitschaft der Menschen vor Ort. Zugezogenen wird es nicht immer leicht gemacht, Teil der Gemeinschaft zu werden. Und Menschen aus einem anderen Land werden teilweise auch mit Ablehnung begegnet. Bei vielen Menschen kann der alltägliche Kontakt das eine oder andere Ressentiment einebnen. Wichtig ist deshalb, dass Unternehmerinnen, Kommunalpolitikerinnen, Vereine, Feuerwehren und alle anderen Akteure vor Ort positiv vorangehen und aufzeigen, dass es im Interesse des Landes ist, dass Menschen zu uns kommen. Denn nur so kann Sachsen-Anhalt vielfältig und zukunftsfest werden.


Sebastian Striegel
Sebastian Striegel
Parlamentarischer Geschäftsführer, Sprecher für Demokratie, Innen, Recht, Digitales Leben, Migration und Religion
0391 560 4004
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