Schule während der Corona-Krise möglich machen

Mit einem Erlass zur Wiederaufnahme des Schulbetriebes hat das Bildungsministerium geregelt, wie nach nun fast sieben Wochen Pause, der Schulalltag für die Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt nach und nach wieder realisiert werden soll.

Das Bildungsministerium sieht eine gestaffelte Aufnahme des Schulbetriebes bis zu den Pfingstferien vor. Ziel soll sein, dass alle Schülerinnen und Schüler bis zu den Pfingstferien mindestens einmal die Schule besucht haben.

Grundsätzlich begrüßen wir, dass die Schulen in Sachsen-Anhalt unter der Auflage von Hygieneregeln und unter der Prämisse des Gesundheitsschutzes sukzessive wieder öffnen. Damit wird die Isolation vieler Kinder und Jugendlicher endlich durchbrochen und ein Schritt in die Richtung einer neuen „Normalität“ gegangen. Es ist gut, dass dabei alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen mitgenommen werden.

Schulen unterstützen und Eigenverantwortung stärken

Bezüglich des Erlasses ist aus bündnisgrüner Sicht positiv zu vermerken, dass Schulen zwar dazu angehalten sind die Klassen zu halbieren, in ihrer weiteren Organisation jedoch individuell agieren können. Ausschlaggebend für die Regelungen werden die jeweiligen Bedingungen (verfügbare Lehrkräfte, Räumlichkeiten etc.) vor Ort sein. Diesen eigenverantwortlichen Gestaltungsraum der Schulen gilt es auch nach der Corona-Pandemie aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen. Um selbst handlungsfähig zu sein und zu bleiben, brauchen Schulen selbstverständlich die bestmögliche Unterstützung, kooperativen Austausch und ggf. Beratung. Eben dies sollten das Bildungsministerium und das Landeschulamt gemeinsam mit den Schulträgern sicherstellen.

Prüfungen und Noten während der Corona-Pandemie

Die Kultusministerkonferenz hat sich bundesweit darauf verständigt, dass das Abitur und die Abschlussprüfungen für die Sekundarschulen trotz Corona-Pandemie abgenommen werden. In Sachsen-Anhalt haben Schülerinnen und Schüler dabei die Wahl zwischen zwei Prüfungsdurchgängen.

Wir begrüßen, dass an allen Schulen die Prüfungsvorbereitungen am 23. April wieder aufgenommen wurden und die Abschlussprüfungen abgesichert sind. So können wir allen Schülerinnen und Schülern aus Sachsen-Anhalt gegenüber gewährleisten, dass ihre Abschlussnoten auch außerhalb Deutschlands anerkannt werden und ihrem Studium in einem Nachbarland nichts im Wege stehen wird.

Wir finden es richtig und wichtig, dass für alle weiteren Jahrgangsstufen die Schulen dazu angehalten sind, die didaktischen Jahrespläne – insbesondere für das kommende Schuljahr – an die aktuellen Bedingungen anzupassen. Darüber hinaus sind wir der festen Überzeugung, dass die unter erschwerten Bedingungen von zuhause aus erbrachten Leistungen der Schülerinnen und Schüler für eine abschließende Notengebung grundsätzlich nicht berücksichtigt werden sollten. Wir lehnen es ab, dass in der derzeitigen Ausnahmesituation die ungleichen Ausgangslagen für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern sich in Noten widerspiegeln. Es kann nicht sein, dass die Vermittlungsleistung schulischer Lerninhalte durch Eltern, die derzeit in der Mehrzahl neben ihren Verpflichtungen im Homeoffice als Ersatzpädagogen fungieren, Ausgangsunkt für Benotungen sind. Dies gilt es verbindlich auszuschließen!

Digitalisierungsoffensive starten

Seit nunmehr sieben Wochen lernen die meisten Schülerinnen und Schüler von zu Hause aus. Diese Situation ändert sich gerade mit der sukzessiven Öffnung der Schulen, doch ist gleichzeitig abzusehen, dass es noch bis weit in das neue Schuljahr hinein deutliche Einschränkungen im Schulalltag geben wird. Eine Digitalisierungsoffensive und konkrete Konzepte für den Fernunterricht sind daher mehr als je zuvor gefragt. Leider fehlt es bislang jedoch noch immer an konkreten Aussagen dazu.

Digitale Treffen zur Lernmotivation, für Rückfragen oder für alternative Unterrichtskonzepte gibt es oft nur da, wo sich Lehrkräfte besonders engagieren oder Elternvertretungen aktiv werden. Nach wie vor gibt es keine landesweiten Leitlinien, verbindliche Vorgehensweisen und Regelungen. Diese gilt es für die nächsten Wochen und Monate, währenddessen der Unterricht nicht regulär in der Schule ablaufen kann, zu schaffen. Sowohl kurz- als auch langfristig ist es zudem wichtig, in das „know-how“ und die Medienkompetenz der Lehrkräfte zu investieren.

Schülerinnen und Schüler mit Vorerkrankungen unterstützen

Schülerinnen und Schüler mit Vorerkrankungen werden auf Grund der Corona-Pandemie die Schule voraussichtlich lange Zeit nicht besuchen können. Im Erlass heißt es, für Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf und damit einhergehenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen sowie bezüglich vorerkrankter Schülerinnen und Schüler, dass diese „…mit Unterrichtsmaterialien versorgt und in die pädagogischen Angebote und ggf. in Abschlussprüfungen eingebunden…“ werden.

 

Es ist wichtig, dass Schülerinnen und Schüler mit gesundheitlichen Vorerkrankungen und Beeinträchtigungen der erhöhten Ansteckungsgefahr mit COVID-19 in Schulen nicht ausgesetzt werden. Gleichsam bedeutet dies aber für die betroffenen Kinder und Jugendlichen, dass sie sich auf unabsehbare Zeit auch weiterhin in sozialer Isolation befinden. Das Leben in den Schulen geht weiter und sie gehören vorerst nicht (mehr) dazu.

 

Wir schlagen deshalb vor, dass verbindliche Regelungen dazu getroffen werden, wie der persönliche Kontakt proaktiv durch die Lehrkräfte und ggf. ergänzend durch die Hilfe der Schulsozialarbeit aufrechterhalten werden soll. Aus grüner Perspektive erscheint es sinnvoll, mindestens zweimal in der Woche persönlich Videokonferenzen oder Telefongespräche mit den Lehrkräften für betroffene Schüler*innen vorzuhalten. Zudem erachten wir es für wichtig, dass jede Möglichkeit genutzt wird wir, die betroffenen Schülerinnen und Schüler auch von zu Hause aus in das soziale Miteinander in der Schule mit einzubeziehen, zum Beispiel Live-Schalten in den Unterricht vorgenommen werden.

Betroffene Schülerinnen und Schüler sollten dabei selbstverständlich, falls nicht vorhanden, mit der Ausstattung durch entsprechende Technik unterstützen werden. Hier gilt es unkompliziert Leihgeräte zur Verfügung zu stellen, sodass die digitale Kontaktaufnahme verbindlich möglich ist.

Es ist wichtig, dass insbesondere diese betroffenen Kinder und Jugendlichen gezielt Unterstützung bekommen. Hier müssen wir dringend gewährleisten, dass Videochats mit den Lehrkräften, Online-Lernangebote und Lernhilfen verbindlich und ausreichend zur Verfügung stehen.

Schülerbeförderung ansteckungsfrei gestalten

Auch hinsichtlich der Schülerbeförderung sehen wir erheblichen Nachbesserungsbedarf. Für uns ist klar, dass nicht nur in der Schule, sondern auch auf dem Weg dorthin der Gesundheitsschutz der Schülerinnen und Schüler oberste Priorität hat. Derzeit vermissen wir transparente und öffentlich zugängliche Aussagen und Konzepte dazu, wie Abstandsregelungen und Hygienebedingungen im Schülerverkehr umgesetzt werden können und sollen. Dies gilt insbesondere auch für den ländlichen Raum, wo die Taktung des ÖPNV wesentlich geringer ist als in den Städten. Insbesondere nach den Pfingstferien, wenn täglich die Hälfte der Schülerinnen und Schüler in den Schulen ist, wird es in unseren Augen ggf. notwendig sein, zusätzliche Busse einzusetzen oder Stundenpläne entsprechend anzupassen.

Konkret fordern wie daher, dass die Ergebnisse der Abstimmungsgespräche zwischen Bildungsministerium, Schulträgern und Busunternehmen über die Durchführung der Schülerbeförderung in den jeweiligen Landkreisen transparent und tagesaktuell auf der Homepage des Bildungsministeriums zur Verfügung gestellt werden.

Ansteckungsfreies Mittagessen in der Schule

Neben dem Weg zur Schule sehen wir auch beim Mittagessen in der Schule ab dem Zeitpunkt, zu dem regulär täglich die Hälfte der Schülerschaft vor Ort ist, große Herausforderungen bei der Einhaltung von Hygienebestimmungen. Während an den Stellen, wo Schülerinnen und Schüler die Abstände zueinander nicht verbindlich einhalten können eine Maskenpflicht zur Vermeidung von Tröpfcheninfektionen verbindlich gilt (ÖPNV), ist dies beim Essen nicht möglich. Wenn ein Kind ohne Mundschutz auf einen Handlauf an der Essensausgabe hustet oder auf die Tabletts, dann nützt auch das Händewaschen vor dem Essen nichts. Auf diese Weise bestehen Idealbedingungen für Infektionen.

Ärzte empfehlen beispielsweise im Freien zu essen und auf Lunchpakete zurückzugreifen. Vor dem Herausholen des Essens sollten die Hände zudem gewaschen und bestenfalls desinfiziert werden. Schülerinnen und Schüler sollten danach keine Klinken mehr anfassen müssen. Wir unterstützen diese Anregungen und halten es für geboten, dass Bildungs- und Gesundheitsministerium gemeinsam zur Vermeidung einer Virusverbreitung an Schulen einen entsprechenden Leitfaden zum Mittagessen herausgeben.

Lernen in den Pfingstferien

Schulen sollen in den Pfingstferien im Rahmen ihrer personellen Möglichkeiten Lernangebote vorhalten, zu denen Schülerinnen und Schüler mit erheblichen Lernrückständen „nachdrücklich angehalten“ werden sollen. Völlig unklar ist dabei, ob es sich um Lernangebote vor Ort in der Schule handelt oder ob es für Schülerinnen und Schüler mit Lernrückständen dann, wenn alle anderen zwei Wochen Ferien haben, einen neuen Berg Arbeitsblätter für zu Hause gibt.

Wir finden es richtig, in den Ferien Interaktionsangebote in Kleingruppen an Schulen anzubieten. Wochenlang wurde insbesondere auf den Schultern der Jüngsten unserer Gesellschaft soziale Abstinenz eingefordert. Hier gilt es verantwortungsbewusste Angebote zu machen, um den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen entgegenzukommen. Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche wieder mehr am gesellschaftlichen Leben in ihren Peergroups teilhaben können.

Darüber hinaus halten wir es für sinnvoll, freiwillige Lernangebote und „Nachhilfe“ vor Ort an Schulen oder in persönlichen Sprechstunden am Telefon bzw. Videokonferenzen durch Lehrkräfte anzubieten. Lernrückstände von Schülerinnen und Schülern sind insbesondere durch den Mangel an Lernsituationen und die fehlende pädagogische Begleitung in der Schule entstanden. Mehr Arbeitsblätter ohne pädagogische Interaktion lehnen wir daher ab. Zudem machen wir uns dafür stark, dass Schülerinnen und Schüler das Recht auf mindestens eine Woche am Stück ohne Lernverpflichtungen haben. Zusätzlicher Stress ist in der aktuellen Situation nicht geboten.

Stand: 08. Mai 2020