„App statt Arzt?“ – Chancen der Digitalisierung

App statt Arzt? – Chancen der Digitalisierung für die gesundheitliche Versorgung im ländlichen Raum

Wo liegen die Chancen der Digitalisierung im Bereich der gesundheitlichen Versorgung? Kann Digitalisierung dabei helfen die Herausforderungen des demographischen Wandels und der Alterung der Bevölkerung zu meistern? Bietet Digitalisierung Chancen, die medizinische Versorgung qualitativ voran zu bringen?

Mit diesen Leitfragen führte die Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen am 8. Juni 2020 ein digitales Fachgespräch „App statt Arzt?“ durch. Für den fachlichen Input konnte Rainer Beckers vom Zentrum für Telematik und Telemedizin aus Nordrhein-Westfalen gewonnen werden. Sein Institut begleitet und berät Projekte zur Telemedizin seit nunmehr zwei Jahrzehnten und wurde ursprünglich von der damaligen Landesregierung ins Leben gerufen. Diesen reichen Erfahrungsschatz gilt es für Sachsen-Anhalt zu heben.

Die klare Aussage seines Vortrags: Ja, Digitalisierung kann die Versorgung verbessern und bietet gerade für die ländlichen Räume enormes Potential. Zur Erläuterung dieser studiengestützten Einschätzung führte Rainer Beckers folgende Begriffspräzisierung an. Zu unterscheiden ist zwischen Telemonitoring, Telekooperation und Telebehandlung.

Rainer Beckers vom Zentrum für Telematik und Telemedizin aus Nordrhein-Westfalen

Telemonitoring

Telemonitoring als Bereitstellung und Übermittlung von Vitaldaten über Distanz ist insbesondere für den ländlichen Raum eine große Chance. Sei es, dass Patienten selbsterhobene Daten wie etwa Gewicht, Blutdruck, Zuckerwerte etc. an ihre Arztpraxis übermitteln oder auch der Austausch zwischen ambulant tätigen Arzt und Krankenhaus reibungsloser läuft. So können Befunde aus der Ferne gestellt und Behandlungsbedarf frühzeitig erkannt werden. Gerade die Überwindung räumlicher Distanzen beim Telemonitoring hebt den vermeintlichen Nachteil ländlicher Regionen auf.

Telekooperation

Telekooperation kann die Versorgungsqualität deutlich verbessern. Dafür stellte Rainer Beckers das Programm „Virtuelles Krankenhaus“ aus Nordrhein-Westfalen vor. Dabei kooperieren unter anderem 17 Krankenhäuser mit zwei Universitätskliniken. Letztere sind via Videokonferenz Ansprechpartner für fachliche Rückfragen der Krankenhäuser in der Fläche. Solcherart Telekonzile befördern den kollegialen Austausch, machen Expertenwissen schnell verfügbar und können damit Diagnosen sowohl beschleunigen wie treffsicherer machen. In Nordrhein-Westfalen wird dieses Angebot insbesondere für die sogenannten seltenen Erkrankungen genutzt. Ein Ansatz, der auch in Sachsen-Anhalt schon verfolgt wird, aber deutlich ausgeweitet werden sollte.

Telebehandlung

Auch das zweite Beispiel aus Nordrhein-Westfalen ließe sich bestens auf Sachsen-Anhalt anwenden. Der Digitale Notarzt ist ein seit Ende vergangenen Jahres flächendeckendes Angebot in diesem Land, bei dem Notärzte nicht mehr unbedingt vor Ort des Geschehens zum Einsatz kommen, sondern über vielfältige digitale Kanäle aus der Einsatzzentrale heraus die Situation vor Ort anleiten. Damit entfallen lange Anfahrtszeiten, wodurch die behandlungsfreie Zeit bis zum Eintreffen einer Ärztin vor Ort verkürzt wird und der Arzt darüber hinaus mehr Einsätze leisten kann. Auch dieser Ansatz erscheint für unser Flächenland überaus sinnvoll.

Digitalisierung kann also einen echten Mehrwert für die Versorgung bringen. Wenn wir nicht nur bestehende analoge Strukturen 1:1 digitalisieren. Wenn die technische Infrastruktur landesweit gegeben ist. Wenn wir Digitalisierung nicht nur als Lückenbüßer begreifen.

Diese Chancen der Digitalisierung wollen wir nutzen, indem wir uns dafür einsetzen:

  • den Bereich Gesundheit in der Digitalisierungsstrategie des Landes neu aufzustellen und dafür klare Zielmarken formulieren.
  • zur Vernetzung und Beratung im Bereich E-Health und Telemedizin ein entsprechendes Landeskompetenzzentrum unter Beteiligung der Selbstverwaltung ins Leben rufen. Dabei ist vor allem auch über telemedizinische Zentren als Plattformen für alle Arten des Telemonitoring zu befinden.
  • prioritär wollen wir Vorhaben und Projekte zur Verbesserung der Kooperation und Vernetzung von stationären Pflegeeinrichtungen und ärztlicher Versorgung sowie zur Verbesserung und Absicherung der notärztlichen Versorgung mit den zuständigen Akteuren diskutieren und fördern.
  • im Bereich der Erwachsenenbildung sind entsprechende Angebote für Patienten und deren Angehörige zu entwickeln, um die digitale Souveränität und Kompetenz der Betroffenen zu stärken.


Das digitale Fachgespräch „App statt Arzt“ fand im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „LANDleben“ statt. Auftakt war der Kongress „#LANDleben – Dorf’s ein bisschen mehr sein“ am 29. Februar. Eine Zusammenfassung finden Sie hier. Im Sommer wird ein erster Konzeptvorschlag vorgelegt, um die ländlichen Regionen nachhaltig zu stärken. Dieser wird online einsehbar sein und alle Bürgerinnen und Bürger erhalten die Möglichkeit, digital ihre Ideen einzubringen. Die Endfassung wird im Spätherbst veröffentlicht.